Ein ausführlicher Bericht vom Senioren-Trainingslager in Norditalien Ende März, bevor unhaltbare Gerüchte die Runde machen
Träningslager
Sind sie auch der Meinung, dass es kaum etwas langweiligeres gibt als einem Erlebnisbericht über ein Trainingslager von Senioren? Es ist ja weder sehr originell noch sehr vorbildlich, wenn Altherren ihre Familien hinter sich lassen, um dann fern der Heimat bloss rumzusaufen und in Outled-Läden einzukaufen. Tage später werden dann die Bälle ungekickt und die Überziehleibchen unverschwitzt wieder nach Hause gebracht. Der nun nachfolgende Bericht ist aber eine ganz andere Geschichte: Ein Trainingslager der aktuellen FCW-Senioren ist nämlich eine höchstseriöse Angelegenheit, sportlich überaus erbaulich, kulturell echt befruchtend, sozial kompetenzsteigernd, irgendwie.
Die Anfahrt
Die noch recht geordnete Anreise an den Gardasee erfolgte in drei Gruppen. Gruppe A (unser alterndes, keifendes, unzertrennliches Pärchen Stöps/Faxe) fuhr schon morgens mit dem Fahrrad – auf dem Dach notabene – los. Gruppe B (der gute Kern der Mannschaft) wählte mit dem Kleinbus die fahrtechnisch recht interessante Route über das Engadin und Südtirol, zollte aber dem hohen Ladegewicht und dem coupierten Gelände Tribut. Man schneckte sich in etwa acht Stunden ans Ziel. Gruppe C (drei Workaholics aus Privatwirtschaft und Stadtverwaltung) verliess Zürich erst abends, erreichte aber via Milano unter gelegentlicher Missachtung von italienischen Verkehrsberuhigungsmassnahmen beinahe gleichzeitig mit Gruppe B das Sporthotel. Dank des Schweizer Tores in der 88. Min. gegen Zypern fand der erste Schlummertrunk in der hoteleigenen Bar in durchaus aufgeräumter Stimmung statt.
Die Tränen der Verletzten...
Unter bewölktem Himmel folgte dann tags darauf das erste unfreie Training auf dem Campo Sportivo von Garda. Waren es die überaus komplexen, unsere Denkfähigkeit arg beanspruchenden Übungseinheiten, welche rasche Ermüdungen provozierten? Jedenfalls gab es bereits nach 10 min den ersten Verletzten: Es beendete der Seniorenobmann seine aktive Beteiligung am Trainingslager wegen einer völlig unerwartet auf ihn hereinbrechenden, noch nie dagewesenen, heftigen Zerrung des Hinterwädli. Wenig später rammte der Trainer dem Captain den Ellbogen derart in die Seite, dass dessen 7. Rippe links brach.
Die Tränen der Leidenden...
Am Nachmittag kam es zu einem überraschend anberaumten Trainingsspiel. Die U-17 des Schwedischen Traditionsvereins Halmstads Bollklubb setzte dabei alle 30 pupertierenden, penetrant technisch-taktisch-konditionell überlegenen Jungs ein. Dass wir bloss 0:5 unterlagen, hatte etwa drei Gründe: a) Wir spielten wohlweislich bloss 2 x 35 min, b) unser Leih-Torhüter schien der italienischen Serie A entsprungen, c) sie hatten Mitleid, die Pickelgesichter. Während wir dieses einmalige Sporterlebnis noch unseren Enkelkindern erzählen werden, haben uns die Schweden, obwohl im selben Hotel einquartiert, schon am nächsten Frühstücksbuffet so angeblickt, als ob sie uns noch nie gesehen hätten. Zugegeben: Bei der stupenden Geschwindigkeit, mit der sie uns auf dem Feld umkurvten, ist es gut möglich, dass sie uns 70 min lang gar nicht wahrgenommen haben.
Die spätere Konsultation ihrer Homepage http://www.halmstadsbk.se/Reportage/05/Italien_U.asp war ein weiterer Schlag ins Gesicht: Kaum eine Silbe über die sich tapfer wehrenden Witiker, bloss belanglose Bilder vom Pool („Poolen vid hotellet“), vom Liegestützen übenden Chauffeur („Göran Elofsson gör armhävningar“) und dem Besuch von Venedig („besökte de Venedig i fredags“). Ob der die Belohnung für unsere Abschlachtung war? Was uns auch noch in ewiger Erinnerung bleiben wird: Ein auf der Bank sitzender, völlig orientierungsloser, schwindlig gespielter und erschöpfter Jörg Gimmi – oder war es Thomas?
Am Abend stürzten sich die Mehrheit der noch Gehfähigen ein erstes Mal auf Garda und riss unbestätigten Meldungen zufolge ein halbes Dutzend 60-70jährige Engländerinnen auf. Bravo, Kollegen! Eine reife Leistung! Zur Strafe seien sie hier aufgeführt, weil sie nirgends sonst Erwähnung finden: Grauer Panther Ricky, Gino Coretto Grappa, Geburtstagskind Pé, Co-Trainer Short, Brasil Stefan) Wie sagten schon die Lateiner: „Tempora mutantur et nos mutamur in illis“, frei übersetzt etwa: „Wir werden älter und kein junges Girl dreht sich mehr nach uns um“. Allerdings mussten auch die Daheimgebliebenen untendurch. Stöps und Thomas Gimmi – oder war es Jörg? – erinnerten sich in der Bar ausgiebig und ohne Pause ihrer gemeinsamen Vergangenheit im 2/11er, der besten Gebirgsschützenkompanie.
Tränen von oben
Die Pausen wurden zur aktiven Erholung unter dem Motto „Laufen“ genutzt. Da lief bspw. der Präsident pausenlos mit dem empfangslosen Natel herum, erholte sich aber auch sitzend am sicheren Festnetzanschluss. Auch alle anderen liefen, nämlich die TV-Geräte pausenlos in allen Zimmern. Der Wetterbericht zeigte 19° C und Schönwetter daheim, am Gardasee goss es aus Kübeln. Zu allem Unglück war es just an jenem Tag auch um Fürst Rainier, Harald Juhnke und den Papst nicht zum besten bestellt. Es war wirklich zum Heulen.
Dennoch wurde am zweiten Tag wieder auf dem satten, feuchten Rasen in Garda trainiert. Wiederum gab es komplexe Übungsvorgaben, die trotz höchster Konzentration bloss für Konfusionen bei und Kollisionen zwischen den Spielern sorgten. Es kam aber zu keinen weiteren gravierenden Verletzungen – ausser dass die schützende Hand auf dem Rippenbruch alle zum Singen irgendeiner Nationalhymne animierte.
Tränen echter Freude
Endlich, endlich! Nach all den harten Trainigseinheiten (total 3 Stk.) gab es einen ersten freien Nachmittag. Und wiederum überraschte die individuelle Bandbreite, mit welcher diese Zeit genutzt werden wollte. Da gab es die Einkaufszentrumsbesucher auf der Suche nach Schuhen und Schnäppchen, da gab es aber auch die Olivenölmuseumsbesucher auf der Suche nach Weiterbildung, und schliesslich gab es die Pragmatiker, die sich am See von Garda mit den ersten Caipirinhas frühzeitig auf die Nacht einzustimmen begannen. Alles folgende sei wegen Gedächtnislücken und Zeichenzahlbeschränkung bloss summarisch skizziert: Es fallen reihenweise politisch völlig unkorrekte, bauchfellvernichtende Witze, es gibt noch ein paar Piranhas, parallel dazu ein erstes Abtanzen bei Italosound mit einigen Irinnen, die am Internationalen Chorwettbewerb in Verona teilgenommen hatten, Franco spricht plötzlich fliessend englisch, dann ein zweites Abtanzen bei Italorock, infolge der Enge ohne Gegenspielerinnen, noch ein paar klitzekleine Hapicirhas, Franco spricht jetzt räto-italienisch, schliesslich kein drittes Abtanzen, weil wir bei der Eintrittskontrolle zu einer Disco hängen bleiben (wir hatten keine Kravatten dabei...), und Franco spricht gar nicht mehr.
Tränen des Abschieds
Der letzte Tag, sniff. Die Nachwehen der Nacht zeigen sich im schleppenden Aufräumen der Zimmer, in der unstrukturierten Suche nach zweiten Socken, Schuhen, Natels. Franco spricht wieder. Nach Begleichung der Nebenkosten (Minibar, Pay-TV..., Ivo kauft die ganze hoteleigene Telefonanlage) an der Reception gehts wieder in den eingespielten Gruppen A-C schweizwärts, wobei ein ausgiebiger Stau am Gotthard verhindert, dass alles plötzlich zu schnell zu Ende gehen könnte. In der Zentralschweiz trifft man sich noch mit Gruppe D (untrainierte, nüchterne, unverletzte, um viele Erfahrungen ärmere Kollegen) und ringt Ibach in einem Spiel bei kräftigem schweinestallgeschwängertem Südsüdwestwind ein demokratisches Unentschieden ab. Sie, die Innerschweizer haben uns, die Zürcher, mit erstaunlicher Genügsamkeit ertragen, dafür dass wir zu spät und missgelaunt antraten. Merci, Ibach! Wir trennten uns mit Tränen in den Augen.
Ja, das war es, was es zu erzählen gab. Alles andere sind Gerüchte ohne jeden Wahrheitsgehalt.
Beat „the spare rib“ Eberschweiler